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Echo Darmstadt

Konzerte 04.07.2015

Die Wildnis gluckst

Von Albrecht Schmidt

DARMSTADT – Chorkonzert – Australischer Kammerchor eröffnet exotisch den „Orgelsommer“

Exotische Laute erfüllten die Pauluskirche am Mittwoch beim ersten Konzert des „Orgelsommers“: Der „Australian Chamber Choir“ sang selten gehörte Werke von Down Under. Stimmungsvolle Naturklänge und archaisch anmutende Musik war zum Start der Konzertreihe zu erleben.

Angenehm kühl ist es, wenn man an diesem Abend den Kirchenraum betritt. Kühl und spröde scheint auch die Musik der g-Moll-Messe, die Ralph Vaughan Williams 1921 für die Londoner Westminster Cathedral schrieb. Der „Australian Chamber Choir“, während seiner Europatour zur Eröffnung des Orgelsommers in Darmstadt zu Gast, interpretiert dieses Werk zu Beginn seines ambitionierten Konzertprogramms mit differenzierter Einfühlung, Wärme, Klarheit und leuchtkräftigem Chorklang. Komplizierte Polyphonie aussparend, schafft Ralph Vaughan Williams einen individuellen Ausdruckskosmos. Den geradezu balsamischen Klangmomenten passen sich die achtzehn Sängerinnen und Sänger des 2007 gegründeten Chores mit exzellenter Pianokultur an. Glockenrein ist die Intonation, selbst im Licht harmonischer Kühnheiten.

Der Dirigent braucht nur wenige Impulse

Auch bei der dicht verzahnten, zehnstimmigen Vokalpolyphonie von Antonio Lottis „Crucifixus“ und bei Giovanni Gabrielis „Magnificat“, in der Doppelchörigkeit an den Raumklang der Markuskirche in Venedig erinnernd, kann sich Douglas Lawrence, der musikalische Leiter und Gründer des Chores, auf wenige Impulse beschränken, um die geschmeidige Eleganz der Magnificat-Vertonung zu vermitteln: Das Gesangsensemble musiziert wie ein bestens harmonierender Klangkörper und fesselt durch seine erstaunliche Ausdruckskunst, die besonders bei den Beiträgen mit zeitgenössischer Musik aus der Heimat des Chores zu erleben war.

So sind die von Tom Henry kürzlich vertonten Gedichte des „Kakadu Man“ (Texte von Bill Neidjie, dem 2002 verstorbenen Ältesten der Gagudju-Aboriginies) und Stephen Leeks „Kondalilla“ besondere, wirklich schöne Bereicherungen des Chor-Repertoires. Archaisch anmutende, mythische Texte, die von der Abhängigkeit des Menschen von der Natur und von der Verbundenheit zur Erde handeln, bieten die emotionale Basis der faszinierenden „Kakadu“-Gesänge – eine Musik, die in visionäre Traumlandschaften vorzudringen scheint und neben Dissonanzschärfen mit wohliger Terzenseligkeit überrascht.

Spektakulär auch „Kondalilla, from Great Southern Spirits“ von Stephen Leek: Im weiten Kirchenraum verteilt und Didgeridoo-Klänge suggerierend, glucksen, piepsen, schnalzen und summen hier die Naturlaute. Durchweg besticht die Sorgfalt, mit der die Choristen die Klanglichkeit und atmosphärische Tiefe ergründen, so bei dem diffizilen Chor-Arrangement, das Elizabeth Anderson nach Jehan Alains Orgel-Choral „Dorien“ erstellt hat.

Pauluskirchen-Kantor Wolfgang Kleber passt sich beim Orgel-Zwischenspiel dem Lamento-Charakter der Chorwerke an und ist mit dem Prélude aus der Orgelsuite op. 5 von Maurice Duruflé dem Ausdruck der Trauer klanglich intensiv auf der Spur. Bei der abschließenden Bach-Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ bleibt der Chorklang, zumal in den fugierten Abschnitten, reichlich pauschal und erreicht hier nicht immer die zuvor gehörte Homogenität und Transparenz, die sich erst wieder beim Schluss-Choral und erst recht beim zugegebenen, herrlich aufblühenden Negro-Spiritual einstellt.